Ein persönlicher Gedanke

Mama, warum machst du dir die ganze Arbeit?

Warum ich mich für einen Spielplatz engagiere, von dem meine eigene Tochter vielleicht irgendwann gar nichts mehr haben wird.

Wenn mich meine Tochter fragt: „Mama, warum machst du dir die ganze Arbeit, wenn ich sowieso schon zu alt sein werde, um von dem Spielplatz noch etwas zu haben?“

Die Antwort auf diese Frage ist mir zu wichtig, um sie mit einem einzigen Satz zu beantworten.

Ein Dorf – und trotzdem zu wenig Raum für Kinder

Wir leben seit einigen Jahren am Dönberg und ich rede vom Dönberg immer als Dorf, weil mich das Leben hier an das Dorf erinnert, in dem ich aufgewachsen bin. Das Leben hier ist anders als in Oberbarmen, Barmen oder Elberfeld. Und ich kann das sagen, weil ich in all diesen Stadtteilen schon gelebt habe.

Einen wichtigen Unterschied zu dem Dorf meiner Kindheit sehe ich allerdings: Am Dönberg gibt es meines Erachtens viel zu wenige öffentliche Orte, die unseren Kindern gehören dürfen. Orte, an denen sie sich treffen können, ohne eingeladen zu sein, etwas kaufen zu müssen oder an einem organisierten Angebot teilzunehmen.

In den letzten 30 Jahren hat sich unsere Welt sehr verändert und meine Kindheit ist mit der meiner Tochter nur noch teilweise vergleichbar. Die digitale Welt ist zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens unserer Kinder geworden.

Umso wichtiger finde ich es, dass daneben auch attraktive öffentliche Räume existieren, in denen Begegnungen unmittelbar, ungeplant und über den eigenen Freundeskreis hinaus stattfinden können.

Warum gestehen wir Erwachsenen solche Orte zu – Kindern aber nicht?

Wir akzeptieren völlig selbstverständlich, dass Erwachsene Orte brauchen, um ihre Sozialkontakte zu pflegen: Restaurants, Cafés, Kneipen, Marktplätze, Theater, Gemeindezentren oder Parks.

Niemand würde ernsthaft sagen: „Erwachsene können sich doch zu Hause treffen.“

Bei unseren Kindern tun wir das erstaunlich oft.

Gerade ältere Kinder brauchen Orte, an denen sie ohne permanent organisierende Erwachsene existieren dürfen. Ein Kind, das immer nur zwischen Elternhaus, Schule, Verein und verabredeten Besuchen pendelt, befindet sich fast ausschließlich in Räumen, die von Erwachsenen strukturiert werden.

Ein öffentlicher Treffpunkt ist etwas anderes. Dort gibt kein Erwachsener ständig vor: „Jetzt spielt ihr 45 Minuten Fußball, danach gibt es Obst und um 17 Uhr holt Mama euch ab.“

Kinder sollten meiner Ansicht nach selbst entscheiden dürfen, was sie in ihrer Freizeit tun und mit wem sie sich wo treffen. Sie sollen lernen, was passiert, wenn fünf Menschen sechs unterschiedliche Meinungen haben.

Es geht um mehr als Spielgeräte

Bei unserem Projekt, den Spielplatz wieder als öffentlichen Raum für unsere Kinder aufleben zu lassen, geht es deshalb um viel mehr, als ein paar schöne Spielgeräte aufzustellen.

Es geht darum, Kindern einen Ort zu geben, an dem sie selbstständig Teil ihrer Gemeinschaft sein können.

Denn was passiert, wenn Kinder sich selbst verabreden, organisieren und treffen?

Sie müssen Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und Kompromisse finden. Sie probieren Dinge aus, auf die sie alleine vielleicht nie gekommen wären. Sie erleben andere Menschen außerhalb ihrer Familie und ihres Klassenzimmers. Und natürlich entstehen dabei auch Konflikte.

Wenn sich ein Nachbar über Lärm oder Dreck aufregt, müssen sie sich damit auseinandersetzen. Vielleicht müssen sie Rücksicht nehmen. Vielleicht müssen sie einen Kompromiss finden. Vielleicht müssen sie aber auch lernen, ihre eigenen Interessen zu vertreten.

Das klingt zunächst nicht unbedingt erstrebenswert. Ich halte es trotzdem für eine wertvolle Erfahrung.

Denn wir leben miteinander. Unsere Kinder müssen lernen, Rücksicht zu nehmen, diplomatisch zu sein, wenn es angebracht ist, und Durchsetzungsvermögen zu zeigen, wenn es notwendig ist. Und je häufiger sie erleben, wie andere Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Konflikten umgehen, desto mehr können sie daraus für sich selbst lernen.

Das ist für mich gute Sozialisierung.

Unsere Kinder sind unsere Zukunft

Wir benutzen oft die Plattitüde: „Unsere Kinder sind unsere Zukunft.“

Ja, das sind sie. Auf sehr vielen Ebenen. Und je besser wir sie auf das Leben in unserer Gesellschaft vorbereiten und je mehr Möglichkeiten wir ihnen geben, sich auch selbst darauf vorzubereiten, desto besser wird diese Zukunft für uns alle aussehen.

Es braucht ein Dorf

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.“

Dieser Satz ist meines Erachtens wichtiger denn je. Denn wir Menschen sind soziale Wesen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir uns immer stärker voneinander abgrenzen.

Wir leben hinter Zäunen, kennen unsere Nachbarn teilweise kaum noch und familiäre Netzwerke befinden sich längst nicht mehr selbstverständlich am selben Ort.

Vielleicht wollen wir diese Nähe manchmal auch gar nicht. Sie bedeutet schließlich nicht nur Unterstützung, sondern auch Rücksichtnahme und gelegentliche Einschränkungen.

Ich versuche mir deshalb immer wieder bewusst die Frage zu stellen: Ist es nicht vielleicht auch für mich selbst wertvoller, wenn ich mich in eine Gemeinschaft einbringe, selbst wenn ich dafür gelegentlich eine kleine Einschränkung hinnehmen muss?

Haben ich und die Menschen, die mir wichtig sind, am Ende nicht mehr davon, wenn wir in einer guten Gemeinschaft leben?

Wenn ich jemanden kenne, dem ich meine Katze anvertrauen kann, wenn ich nicht da bin. Wenn jemand meinen Rasen mäht, weil ich gerade nicht dazu in der Lage bin. Wenn man sich kennt, miteinander spricht, einander hilft und manchmal eben auch miteinander streitet.

Gemeinschaft bedeutet nicht, dass immer alle einer Meinung sind. Sie bedeutet, dass wir trotzdem miteinander leben.

Und je weniger selbstverständlich familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke werden, desto wichtiger werden Orte, an denen solche Gemeinschaft überhaupt entstehen kann.

Was hat meine Tochter also davon?

Was hat meine Tochter also am Ende davon, wenn ich nicht gewillt bin, meinen Beitrag für diesen Spielplatz aufzugeben?

Vielleicht wird sie tatsächlich nie auf der Schaukel sitzen, für die wir Spenden gesammelt haben. Vielleicht wird sie auch nie auf dem Ninja-Warrior-Parcours klettern.

Aber vielleicht hat sie bis dahin etwas anderes erlebt.

Sie hat erlebt, dass ihre Mutter jahrelang an etwas gearbeitet hat, von dem irgendwann andere Menschen in ihrer Gemeinschaft profitieren werden.

Sie hat dann nicht nur Erwachsene sagen hören: „Man müsste mal“, „Die Stadt müsste“ oder „Jemand sollte“.

Sie hat erlebt, dass man selbst dieser Jemand sein kann.

Also, meine geliebte Tochter, die kurze Antwort auf deine Frage:

Warum mache ich mir die ganze Arbeit? Weil ich daran glaube, dass wir eine Welt erschaffen können, die für uns alle besser sein kann. Und das können wir nicht alleine, jeder für sich, sondern nur in der Gemeinschaft.

Und Gemeinschaft ist das, was entsteht, wenn wir bereit sind, etwas für andere zu tun. Auch dann, wenn wir selbst vielleicht nie unmittelbar davon profitieren.